Starke Frauen oder: Warum wir uns langweilen müssen

Ich kenne viele Menschen, die den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mögen. Häufig liegt es an den zu hohen Ticketpreise, an der Unzuverlässigkeit oder auch einfach am gängigen Publikum.
Zugegeben: viele Fahrgäste sind sehr rücksichtslos, aber eine gewisse Toleranz (oder auch Gleichgültigkeit) und vor allem gute In-Ear-Kopfhörer helfen enorm.

Einfach abschweifen

Ich bin tatsächlich ein großer Bus-Fan, sofern ich einen Sitzplatz am Fenster ergattere und nicht länger als 2 Stunden fahren muss. Ich empfinde dieses leichte Schaukeln und die erhöhte Sitzposition als sehr entspannend. Außerdem hat man immer etwas zu gucken.

Was ich beim Busfahren aber versuche zu vermeiden: der Blick auf mein Smartphone. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass ich ohnehin viel zu viel vor elektronischen Geräten sitze. Viel mehr, weil der ständige Zugriff zum Internet dafür sorgt, das wir uns nicht mehr langweilen müssen.
Der Bus kommt 5 Minuten zu spät? Dann lese ich halt fix noch einen Artikel. Ich warte an einem öffentlichen Platz auf eine andere Person und weiß nicht, wo ich hingucken soll? Dann zücke ich mein iPhone und chatte oder telefoniere kurz mit Freunden. Ich sitze im Wartezimmer? Schwupps – Das Handy in der Hand.
Allmählich verlernen wir, Langeweile einfach auszusitzen. Doch eigentlich ist sie sehr wichtig, denn ohne sie können keine kreativen Prozesse in Gang gesetzt werden. Ich nutze die tägliche Stunde Busfahrt, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich starre emotionslos aus dem Fenster und (zer)denke alltägliche Situationen, Ideen, Eventualität.

Ein konnotierter Begriff

Vergangene Woche hatte ich wieder einen solchen Langeweile-Moment und ich begann über banale und weniger banale Dinge nachzudenken. Plötzlich stolperte ich gedanklich über den Begriff Starke Frauen. Dazu zähle ich persönlich beispielsweise Meryl Streep oder Michelle Obama.

Ich empfand den Ausdruck eigentlich immer als Kompliment. Doch als das Gedankenrad in meinem Kopf losging, frug ich mich, ob es eigentlich wirklich ein ausnahmslos positiver Begriff sei?

Tatsächlich bemerke ich einen bitteren Beigeschmack. Starke Frauen werden oftmals als für sich selbst einstehende Einzelgänger gesehen, die keine Rückendeckung benötigen. Das Recht auf Verletzlichkeit oder Mitleid wird ihnen nicht selten abgesprochen.
Doch warum eigentlich? Ja, eine starke Frau kann für sich einstehen und ihre Meinung offen vertreten. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem gerne Unterstützung bekommt, in gefährlichen Situationen beschützt oder in schwachen Momenten einfach in den Arm genommen werden möchte.

Den Begriff Starke Männer gibt es gar nicht erst. Männer sind per se stark und selbstbewusst. Hier zeigt sich aber dafür ein anderes Extrem: Ist ein Mann zu einfühlsam, gilt er als schwach.

Warum ist das eigentlich so? Die deutsche Sprache hat schließlich einen enormen Vorteil: die Vielfalt unseres Wortschatzes gibt uns die Möglichkeit, alles und jeden zweifelsfrei zu beschreiben. Wir sollten vielleicht aufhören, gewisse Personengruppen mit eigentlich unsinnigen Eigenschaften zu pauschalisieren.

Vielleicht sollte ich aber auch einfach weniger über Begrifflichkeit und deren Wirkung nachdenken. Wer weiß…

xox
Aziza

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